Anstand und Wirtschaft

Eine Wiederbelebung erfährt der Begriff Anstand in den letzten Jahren in der Wirtschaft. Hier wird versucht, eine stärkere Normierung und Einhaltungskontrolle (Compliance) von Spielregeln einzuführen, an die sich ein Unternehmen halten muss. Ein Grund dafür ist, dass viele große Unternehmen heute mehreren unternehmensfremden und global verstreuten Anteilseignern gehören. Das erfordert eine höhere Transparenz und eine weitergehende Offenlegung von unternehmensinternen Vorgängen, als dies bei Privatunternehmen der Fall ist. Konkrete Vorgänge in der deutschen Industrie zeigten, dass Vorstände trotz hervorragender wirtschaftlicher Erfolge ihrer Unternehmen zurücktraten, wenn auch nur der Verdacht eines unanständigen Verhaltens aufkam.

Die konkrete Bedeutung von Anstand für die Wirtschaft liegt darin, dass Anstand die Grundlage von Vertrauen ist. Vertrauen reduziert die Komplexität des zwischenmenschlichen Umgangs. Damit vereinfacht Anstand wirtschaftliches Handeln. Spieltheoretisch hat Anstand eine Bedeutung bei wiederholten und fortgesetzten Spielen: Bei jedem Spiel wird sowohl um Nutzfunktionen gespielt (das eigentliche Spiel) wie auch um Spielregeln (Metaspiel). Einigen sich die Spieler im Metaspiel auf ein von ihnen als anständig eingestuftes Verhalten, dann reduziert sich die Komplexität des Spiels, denn die Spieler können sich in Folgespielen (z.B. in Verhandlungen) auf das Spiel um die Nutzfunktionen konzentrieren.

Das bewusstere Herangehen an das Thema Anstand in der Wirtschaft ist auch eine Folge der verschiedenen Globalisierungsperioden, in denen Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zunächst für ihr wirtschaftliches Handeln sich Spielregeln erarbeiten mußte, deren Einhaltung (Compliance) eine ausreichende Zuverlässigkeit im Umgang miteinander ermöglicht. Die intensive Globalisierungsperiode im 19. Jahrhundert war dabei noch durch eine stark asymmetrische Kräfteverteilung der Spieler geprägt (Kolonialismus). In den Wertedebatten der gegenwärtigen Globalisierungsphase spielen die tatsächlichen und vorgeblichen Anstandsregeln großer Schwellenländer eine zunehmend bedeutendere Rolle - bis hin zu dem Bestreben, historische Asymmetrien umzukehren.