Gemeinsam mit vergleichbar dem Gebiet der Moral zugeordneten Begriffen ist der Begriff Anstand in weiten Bereichen instrumentalisierbar, umdeutbar und dem Mißbrauch preisgegeben. Der Begriff hat insbesondere seit der 68er Bewegung vermehrt eine negative Konnotation erfahren. Im Gegensatz zum Begriff Fairness wird hier auch Angepaßtheit, Konformismus, unkritische Loyalität zum Staat, fehlende Zivilcourage, Untertanenverhalten und biedermeierliches Spießertum assoziiert. Diese Untertanenmentalität wird seitdem immer wieder kritisiert, auch als Wegbereiter totalitärer Systeme, da der (in diesem Sinne) anständige Bürger keinen Widerstand leiste, sondern sich brav unterordne, gleichgültig, was die Obrigkeit fordert. Um diese Konnotationen zu vermeiden werden stattdessen oft Begriffe wie respektvolles Verhalten, Fairness oder ähnliches verwendet.
Andererseits kann gerade Anstand auch die Grundlage von Widerstand sein. Ein Beispiel war der Aufruf zum "Aufstand der Anständigen"[1] nach Anschlägen auf Synagogen. Viele Beispiele zu auf Anstand basierendem unaufgefordertem Widerstand gab es auch in der Geschichte und gibt es in der Gegenwart, hier insbesondere in der Wirtschaft (Whistleblower). Der Begriff des "Widerstandes der Anständigen" kann aber auch als Instrument zur reaktiven Abwertung[2] Andersdenkender mißbraucht werden. Beispiele für bis zur Militanz reichende Instrumentalisierungen gibt es in vielen Bereichen, unter Anderem in den Debatten um Abtreibung, um Globalisierung und um Homosexualität.
Darüberhinaus wird Anstand nicht selten auch in totalitären Regimen (Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus), nationalistischen und religiös-fundamentalistischen Bewegungen als nebensächlich resp. "(klein-)bürgerlicher Krimskrams" eingestuft, der die "gute Sache" nur behindere oder wird in einem eingeschränkten Sinne dann als kultivierte Umgangsform nur für die und innerhalb der bevorzugten Bevölkerungs- und Glaubensgruppen respektive Herrschaftsschichten zur Anwendung gebracht, um die "äußeren Formen" und den Anschein zu wahren (Anschein statt Anstand).
Zwar vereinfacht Anstand als Vertrauensgrundlage das Leben der Menschen, aber gleichzeitig führt die Verletzbarkeit und Mißbrauchbarkeit des Begriffes zu einer Vielzahl von Widersprüchen. Des Einen Unanständigkeit ist des Anderen Anständigkeit. Außerdem ist Anstand nicht statisch, sondern Anstand verändert Anstand: "Umwertung aller Werte: das ist meine Formel für den einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit... Mein Los ist, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, der sich gegen die Verlogenheit von Jahrzehnten im Gegensatz weiß..." meinte beispielsweise Friedrich Nietzsche (Ecce Homo, 1888) als einer der Vielen sich zwischen Maßfindung und Anmaßung bewegenden Vertreter der gleichzeitig Anständigen und Unanständigen.