Politik in der Bundesrepublik Deutschland (Einheitsschule)

Die achtjährige Einheitsschule sollte auf Anordnung der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland eingeführt werden (Kontrollratsdirektive Nr. 53 von 1947). Dennoch wurde mit dem Verweis auf die strittige Diskussion über Begabung das mehrgliedrige Schulsystem beibehalten. In den 1970er Jahren gab es in einigen sozialdemokratisch regierten Bundesländern Bestrebungen, das mehrgliedrige Schulsystem durch Gesamtschulen zu ersetzen, die dem Konzept einer Einheitsschule nahekamen. Allerdings mussten diese Gesamtschulen mit den anderen Schulen konkurrieren. Außerdem waren sie insofern keine Einheitsschulen, als sie intern eingeteilt waren in Kurssysteme, die das mehrgliedrige Schulsystem intern abbildeten. Es kam nur vereinzelt zur Etablierung von wirklichen Einheitsschulen, wie beispielsweise der Laborschule Bielefeld. Seit den 1980er Jahren wurden keine neuen Anläufe zur Realisierung von Einheitsschul-Konzepten begonnen. Erst mit den international vergleichenden Bildungsstudien (TIMSS, PISA, IGLU), in denen deutsche Schüler sehr schlecht abschnitten, während sie gleichzeitig einer extrem hohen sozialer Selektion unterliegen, wird wieder ernsthaft über die Etablierung von Einheitsschulen ("Schulen für alle") nachgedacht. Allerdings schlossen die meisten deutschen Gesamtschulen im Vergleich zu den übrigen Schulen auch sehr mäßig ab.

In einigen Bundesländern gibt es im bildungspolitischen Spektrum nun Konzepte, das mehrgliedrige Schulsystem langfristig abzuschaffen. Als Gründe für diese neue Politik werden herangeführt

  • die demografische Veränderung (viele kleine Gemeinden können sich aufgrund des Bevölkerungsrückgangs verschiedene Schultypen nicht mehr leisten, und es wird für die Zeit ab 2010 ein dramatischer Rückgang der Studierendenzahlen prognostiziert, wenn die Bildungspolitik so fortgesetzt wird wie bisher)
  • dass internationale Organisationen wie die OECD, die UNICEF, die UNESCO, die Europäische Kommission und zuletzt der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen mit seiner Bildungsstudie über Deutschland das mehrgliedrige Schulsystem kritisieren
  • dass einige Wirtschaftsverbände und Think Tanks, die Unternehmerinteressen (z. B. die Bertelsmann-Stiftung) nahestehen, die frühe Selektion kritisieren
  • die aktuellen Studien, die nahelegen, dass die hohe soziale Selektion in Deutschland mit dem mehrgliedrigen Schulsystem in einem unmittelbaren Zusammenhang steht
  • die "Abstimmung mit den Füßen": in NRW fanden 2006 14.000 Eltern keinen Platz für ihre Kinder in Gesamtschulen und 2007 waren es 16.000 Eltern, die ihre Kinder in Gesamtschulen einschulen wollten und keinen Platz bekamen; in Schleswig-Holstein schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf die privaten Einheitsschulen der dänischen Minderheit.WDR