Lehrprofessur

Die Einrichtung einer neuen Personalkategorie namens Lehrprofessur ist ein Vorschlag, der u.a. vom Rektor der Heidelberger Universität, Prof. Peter Hommelhoff, im Rahmen der Diskussion um Strukturreformen im deutschen Hochschulsystem vorgebracht wurde. Ein zukünftiger Lehrprofessor hätte im Vergleich zu konventionellen Professoren, die Lehre und Forschung gleichermaßen betreiben, eine höhere Lehrverpflichtung, jedoch geringere Finanzmittel für Forschungsausgaben und Mitarbeiter. Das Modell folgt dem angelsächsischen Vorbild des Lecturer bzw. Senior Lecturer und wurde auch im Heidelberger Antrag zur Exzellenzinitiative (2005) konzeptuell verankert, jedoch bisher in Deutschland nicht realisiert.

Argumente pro Lehrprofessur

  • Die Einrichtung einer Lehrprofessur kostet weniger Geld als eine "normale" Professur, da dem Kandidaten weniger Sach- und Personalmittel zur Verfügung gestellt werden müssen. Eventuell wäre auch sein Gehalt niedriger als das eines "vollen" Professors.
  • Die Universitäten könnten daher auch ohne finanziellen Mehraufwand deutlich mehr Stellen für hochqualifizierte (habilitierte) Nachwuchskräfte schaffen, die in ausreichender Zahl auf dem Arbeitsmarkt vorhanden sind, jedoch wegen der Finanzschwäche des deutschen Hochschulsystems gegenwärtige keine Aussicht auf Anstellung im Wissenschaftsbereich haben ("Arbeitsbeschaffungsprogramm für Habilitierte").
  • Gleichzeitig würde, auch wegen der deutlich höheren Lehrverpflichtung (diskutiert werden 12 Semesterwochenstunden oder mehr, statt 8-9 für "normale" Professoren), die Lehrkapazitäten der Hochschulen deutlich gestärkt. Sie wären so besser gerüstet für die Bewältigung des Studentenberges, der für die Zeit ab 2012/2015 prognostiziert wird, für den den Hochschulen bisher aber keinerlei zusätzliche Finanzmittel in Aussicht gestellt wurden.
  • Die Bereitstellung von mehr Dauerstellung im Wissenschaftsbereich könnte für den wissenschaftlichen Nachwuchs motivierend wirken und die Attraktivität einer akademischen Karriere erhöhen. Die gegenwärtige Stellenknappheit an deutschen Universitäten kann abschreckende Wirkung haben, gerade auch auf sehr gute Kandidaten, die attraktive Alternativen in der Wirtschaft haben. Für eine Uni-Karriere sind heutzutage nicht nur hohe Leistung und hohe Mobilität, sondern auch eine erhebliche persönliche Risikofreude notwendige Voraussetzung. Gäbe es mehr Dauerstellen in Form von Lehrprofessuren (andere scheinen gegenwärtig nicht finanzierbar) als "Notlösung" der Karriereplanung, so könnten wieder mehr hervorragende Nachwuchskandidaten für Wissenschaftskarrieren gewonnen werden. So könnte die Lehrprofessur ein Problem lösen, das durch den konsequenten Abbau des akademischen Mittelbaus in den letzten Jahrzehnten entstanden ist.
  • Die Einführung der Lehrprofessur könnte ein Symbol dafür sein, dass im deutschen Hochschulsystem die traditionell eher unterbewertete Lehre wieder ein höheres eigenes Gewicht gegenüber den Forschungsaktivitäten erhält.

Argumente contra Lehrprofessur

  • Das gewichtigste Argument gegen die Lehrprofessur scheint das Humboldt'sche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. Diese ist bisher im Detail auch dadurch verwirklicht, dass jeder Hochschullehrer gleichermaßen lehren und forschen soll und darf. Wenn hier eine Aufteilung eingeführt wird - und insbesondere wenn sich die Lehrprofessur zu einer Notlösung für Kandidaten zweiter Klasse entwickelt - dann besteht die Gefahr, dass die Qualität der Lehre sinkt. Ein Hochschullehrer, der stark mit der Lehre belastet ist und nicht mehr (oder weniger stark) selber forscht, wird Schwierigkeiten haben, den aktuellen neuen Entwicklungen in seiner Disziplin jeweils zeitnah zu folgen. Seinen Studierenden kann er daher weniger aktuelle Lehrinhalte anbieten, und erst recht keine eigenen, authentischen Eindrücke aus der Forschungstätigkeit vermitteln.
  • Daneben hat das "Arbeitsplatzbeschaffungsprogramm Lehrprofessur" voraussichtlich dieselben Nebenwirkungen wie viele ähnliche Programme: Es würden reguläre Arbeitsplätze ("volle" Professuren) verdrängt - indem Geldmittel umgewidmet und bei anderen Professuren entsprechend gekürzt werden.
  • Auch wenn Lehrprofessuren formal der Statusgruppe der Professoren angehören würden, würden sie in den akademischen Gremien sicherlich sehr schnell als eine "Gruppe von Professoren zweiter Klasse" betrachtet werden.